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Presse
Beiträge von der Schadow-Gesellschaft e.V.
und Pressemitteilung über die Schadows

Westdeutsche Zeitung 2. März 2010
Vergessener Kunstschatz beim Gerichtsumzug entdeckt
von Dieter Sieckmeyer
Der Präsident will Gemälde nicht im Neubau haben. Experte ist empört über den Umgang mit der Kunst. Das Triptychon soll dem museum kunst palast als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt werden. Nach der Restaurierung könnte es 2011 im Rahmen einer Ausstellung zur Düsseldorfer Malerschule zu sehen sein.
Düsseldorf. Es war das letzte große Werk Friedrich Wilhelm von Schadows, das er 1854 dem damaligen Landgerichtspräsidenten Friedrich Ludwig Hoffmann schenkte. Das mehr als neun Meter breite Triptychon mit dem Titel „Himmel, Fegefeuer und Hölle“ hängt seit Jahrzehnten im ersten Stock des Landgerichts an der Mühlenstraße.
Dass es sich um ein Kunstwerk von kaum schätzbaren Wert handelt, wurde erst jetzt erkannt, weil die Justizbehörden in den Neubau am Oberbilker Markt umziehen. Dabei kam auch heraus: Teile des Bildes wurden 35 Jahre lang auf dem Dachboden abgestellt. „Es ist empörend, wie hier mit wertvoller Kunst umgegangen wird“, schimpft Dieter Gefeke, Präsident der Schadow-Gesellschaft in Celle.
Landgerichtspräsident Heiner Blaesing hat kein Interesse an dem Gemälde: „Es passt stilistisch nicht ins neue Gebäude.“ Immerhin zog er eine Expertin aus dem museum kunst palast hinzu, die feststellte, dass es sich um ein bedeutendes Werk handelt. Vier Jahre hatte der Gründer der Düsseldorfer Malerschule daran gearbeitet, weil er wegen eines Augenleidens öfters Pausen einlegen musste.
Bilder der Schadow-Schüler lagerten auf dem Dachboden

Dieses Bild von einem Schadow-Schüler war 35 Jahre verschwunden.
Ergänzt wurde das Gemälde, das auf Motiven der „Göttlichen Komödie“ von Dante basiert, durch so genannte Predellen. Das sind Bilder, die von Schülern Schadows als Ergänzung gemalt wurden. Die wurden jetzt auf dem Dachboden entdeckt.
Offenbar wurden die Predellen, die unter dem Triptychon hingen, bereits 1975 während des Majdanek-Prozesses von der Wand genommen. Jüdischen Zeugen sollten die Bibel-Motive nicht zugemutet werden, zudem wurden die Bilder beschädigt. Danach waren sie wohl vergessen worden.
Wie viel das großflächige Werk wert ist – das können auch Kunstexperten nur schwer sagen. „Für ein kleines Bild von Schadow kann man rund 100.000 Euro erzielen“, schätzt Kunsthändler Helge Achenbach. Den Betrag könne man aber nicht einfach auf die drei großen Bilder hochrechnen: „Das ist ein besonderes Werk. So etwas gibt es auf dem Markt ganz selten.“
Das Triptychon soll dem museum kunst palast als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt werden. Nach der Restaurierung könnte es 2011 im Rahmen einer Ausstellung zur Düsseldorfer Malerschule zu sehen sein.
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27. Januar 1850 Todestag von Johann Gottfried Schadow.
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ZeitZeichen
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Neues Deutschland
27.01.2010 / Feuilleton / Seite 14
Schneidersohn und »Miss«
Johann Gottfried Schadow (1764 bis 1850) – Gedanken zu seiner Persönlichkeit
Von Ulrike Krenzlin

Zur »Miss Preußen 2010« ist Königin Luise gekrönt worden. Im Jahresverlauf werden anlässlich ihres 200. Todestages drei Ausstellungen ein facettenreiches Bild von der populärsten Frau der preußischen Geschichte entwerfen. Doch ihre von allen Seiten schöne Erscheinung hat Johann Gottfried Schadow bereits im Jahr 1797 – wie er selbst sagte »mit an List grenzendem Beobachtungsgeist« – in sein lebensgroßes Marmordenkmal gebannt. Das in jeder Hinsicht neuartige Standbild mit den Schwestern Luise und Friederike in inniger Umarmung, begründete die klassizistische Bildhauerschule Preußens.
Doch daran stimmt etwas nicht. Denn ausgerechnet dieses Werk blieb im Berliner Stadtschloss nach Schließung der Akademieausstellung im Herbst 1797 in seiner Lieferkiste unausgepackt liegen, bis die Mäuse darin Einzug hielten. Die Entscheidung dazu traf König Wilhelm III., Luises Ehemann. Denn die Darstellung seiner Gemahlin als neu gekrönter Königin in der Pariser Empire-Kleidung, die ihren Körper mehr entblößt als verhüllt, empfand der König als »unschicklich«. Auch das Tuch, mit dem Schadow den dicken Hals der Königin verhüllte, war befremdlich. Das Werk fiel in einen Dornröschenschlaf, der hundert Jahre, bis 1893, währte. Einfluss auf die Bildhauerkunst konnte es niemals nehmen. Erst seit 1950, nach dem Schlossabriss, wird es in der Nationalgalerie präsentiert.
Haben wir eigentlich das Bild von Schadows Persönlichkeit überprüft? In der Neusicht auf Künstlerbiografien hinkt die Kunstgeschichte gegenüber anderen Disziplinen nach. Schadows Aufstieg gestaltete sich schwindelerregend. Sein Vater hielt seine Schneiderwerkstatt nahe dem Schloss, von wo der geschickte Herrenschneider Hofpersonal belieferte. Lohn bestand oft nur in Gegenleistungen wie im Fall von G.B. Selvino, einem Hofbildhauergesellen, der zum Zeichenunterricht für Sohn Johann Gottfried verpflichtet wird. Selvino verschaffte dem Jungen Zugang zur Hofbildhauerfamilie J.-P.-A. Tassaert. Von Vierzehn bis Achtzehn durfte der Halbwüchsige den Künstlerkindern die »Plumpe Sprak« Deutsch beibringen, tagsüber an deren Bildungsprogramm, am Zeichenunterricht in der Akademie teilnehmen und in der Oper Unter den Linden die französische Oper mitbesuchen. Danach erhielt Johann Gottfried gegen »Pension« eine von den sieben Gesellenstellen. Der Karriereknick kam jetzt. Tassaert wollte den Zwanzigjährigen noch enger an seine Familie binden und ihn verheiraten mit seiner Tochter Felicité. Mit der Heirat stellt er dem Schwiegersohn in spe sogar die Leitung der Hofbildhauerwerkstatt in Aussicht. Schadow hätte mit diesem Schritt seine Karriere frühzeitig vollenden können. Doch das war ihm zu viel.
Er hatte Sinn für Frauen. An diesem Fall brach erstmals ein unbändiger Widerspruchsgeist und Unabhängigkeitsdrang aus ihm hervor. Er war willens, auf alle bisherigen Privilegien zu verzichten. Fast gleichzeitig mit Goethes Flucht von Karlsbad nach Italien, floh Schadow 1785, allerdings mit einer Frau, nach Rom. Aber auch auf dieser Flucht begleitet den Künstler das Glück. Bei Henriette Herz in Berlin hatte er sich verliebt in Marianne Devidels, die Tochter eines jüdischen Bankiers aus Wien. Dieser finanzierte dem Paar einen zeitlich unbegrenzten und noblen Aufenthalt in Rom. Hier konvertiert Schadow zum Katholizismus, einzige Voraussetzung für seine Heirat. Später erzog das Paar die Kinder Rudolf und Wilhelm zu bedeutenden Künstlern.
Nach Tassaerts Tod 1788 wurde Schadow nach Berlin zurückberufen als Leiter der Hofbildhauerwerkstatt und des Oberhofbauamtes. Die Akademiereform ermöglichte es in Preußen erstmals, einen deutschen Bildhauer in dieses hohe Amt zu bestellen. Nach der Italienreise, die Schadow auf einzigartige Weise mit der europäischen Kunst vertraut machte, begann er in Berlin seine umfassende und über Jahrzehnte stetige bildhauerische Tätigkeit. Aber nur im Lebensalter von fünfundzwanzig bis fünfunddreißig gelangen Schadow in kurzen Abständen die größten und berührenden Werke des deutschen Klassizismus, das Grabmal des Grafen Alexander von der Mark, die Prinzessinnengruppe, das Standbilder für General von Zieten und die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Werke, die bis heute das Bild von Berlin prägen, und die den europäischen Standard geprägt haben. Als der Bildhauer um 1810 seinen künstlerischen Zenit überschritten hatte, suchte er nach anderen Wegen. Bis zu seinem Tod am 27. Januar 1850 blieb er erfolgreich als Akademielehrer und Schriftsteller.
Die drei Ausstellungen zum »Luisenjahr 2010«: Miss Preußen 2010
Luise. Leben und Mythos der Königin. Schloss Charlottenburg. 6.3. -31. 5.; Luise.
Die Inselwelt der Königin. Pfaueninsel. 31.5.-31. 10.; Luise.
Die Kleider der Königin. Schloss Paretz. 31.7.- 31.10.
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Der November stand in diesem Jahr - 2009 - ganz im Zeichen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung Deutschlands. Da Celle sowohl auf künstlerischer als auch auf politischer Ebene ein vielfältiges Programm zum 20-jährigen Jubiläum der deutschen Einheit bot, war es beinahe selbstverständlich, den Auftakt zur jährlichen Mitgliederversammlung der Schadow-Gesellschaft am 14. 11.09 mit der Karikaturenausstellung 1+1=EINS zu beginnen.
In der Gotischen Halle im Celler Schloss stellten zwei “Ossis” und zwei “Wessis” ihre Sicht auf die deutsche Einheit dar: Walter Hanel, Burkhard Mohr, Nel und Rainer Schwalme. Der Rundgang bescherte uns viele humorvolle Momente, lebhafte Diskussionen über Klischees und kulturelle Unterschiede und nachdenkliche Augenblicke.
Von der Gotischen Halle ging es zu Fuß weiter zur gegenüber liegenden Stadtkirche. Dort wurde die kleine, aber sehenswerte Ausstellung “Der Mut der Wenigen” der Robert-Havemann-Gesellschaft e. V. gezeigt. Sie thematisierte am Beispiel der Biermann-Ausbürgerung, wie sich einzelne mutig gegen das DDR-Regime stellten. Beeindruckend war die Selbstverständlichkeit, mit der Bürger aufrecht ihre Haltung vertraten. Günther Schau äußerte sich dazu einmal folgendermaßen: “Für mich war das keine Frage des Mutes, sondern der Einstellung.” Erinnerungen an unsere eigenen Erfahrungen mit der DDR wurden wach.
Am Ende dieses anregenden Auftakts wurde von mehreren Anwesenden deutlich gemacht, dass die Vergangenheit immer wieder reflektiert werden muss, damit wir unsere Gesellschaft menschlicher gestalten können. Die Schadow-Gesellschaft lädt dank ihrer besonderen Ausrichtung auf die Gegenwart hin besonders zu diesen Reflexionen ein.
Ulrike Gefeke M. A.
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Die Zeichnungen
Präsentation des soeben erschienenen Werkverzeichnisses mit Vorstellung eines neu erworbenen Schadow-Porträts
Pressegespräch am Freitag, 17. Februar 2006, 12.30 Uhr, Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin-Mitte
Erstmals wird das umfangreiche und vielseitige zeichnerische Werk eines Künstlers in einem Œuvrekatalog vorgelegt, den man bisher nur als Bildhauer und Begründer der Berliner Bildhauerschule kannte. Als leidenschaftlicher und hochtalentierter Zeichner interessierte sich Johann Gottfried Schadow (1764-1850) für die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Ereignisse seiner Zeit; nüchtern-sachlich oder satirisch kommentierte er sie mit Stift und Feder. Das Spektrum seiner Themen ist weit gefächert und umfaßt Zeichnungen nach antiker Skulptur, Tier-, Akt- und Bewegungsstudien, Porträts seiner Zeitgenossen, Entwürfe zu Grab- und Denkmälern sowie Karikaturen. Vor allem aber beschäftigte sich Schadow mit der Physiognomie, dem Körperbau und Wachstum des Menschen vom Säugling bis zum Greis. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1834 und 1835 in den Mappenwerken Polyclet und Nationalphysionomieen.
In den über 2.200 nachweisbaren Zeichnungen wird ein Lebenswerk sichtbar, das die Zeit vom ausgehenden Rokoko über Klassizismus und Biedermeier auf einzigartige Weise widerspiegelt und sogar den Realismus eines Adolf Menzel vorwegzunehmen scheint. Johann Gottfried Schadow war der ehemals königlich-preußischen Akademie ab 1788 – als Lehrer der Bildhauerklasse, Vizedirektor und Direktor – ein halbes Jahrhundert in leitenden Funktionen verbunden.
Als Eigentümerin von über 1.200 Schadow Zeichnungen hat die Akademie der Künste ein Forschungsprojekt zur Erstellung des Œuvre-Verzeichnisses initiiert und unter Leitung des Akademiemitglieds Prof. Dr. Werner Hofmann durchgeführt. Die Finanzierung des Projekts erfolgte durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Die dreibändige Werkausgabe wurde vom Deutschen Verein für Kunstwissenschaft und der Akademie der Künste unter der Federführung von Prof. Rüdiger Becksmann herausgegeben und durch zahlreiche Geldgeber ermöglicht.
Badstübner-Gröger, Sibylle Czok, Claudia Simson, Jutta von Simson
Hrsg. im Auftrag der Akademie der Künste und des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft von Rüdiger Becksmann
Johann Gottfried Schadow. Die Zeichnungen. 3 Bände.
Mit einem einführendem Essay von Werner Hofmann
2006. 814. 183 S. m. 2200 z. Tl. farb. Abb.
Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft
Denkmäler deutscher Kunst
Einband: Buchleinen
Best.-Nr. 20782547
ISBN 3871571903
EUR 248,00*
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Die Muse und der Löwe
Die Akademie der Künste ehrt Johann Gottfried Schadow mit einer Werkausgabe
Von Gabriela Walde
Schadow ist als Bildhauer der Prinzessinnen-Gruppe und der Quadriga auf dem Brandenburger Tor bekannt. Daß der Ex-Direktor der Akademie der Künste auch ein genialischer Zeichner war, beweist eine prachtvolle Werkausgabe.
Ob sich der zurückgetretene Akademie-Präsident Adolf Muschg an Johann Gottfried Schadow ein Beispiel hätte nehmen sollen, - das bleibt die Frage. 35 Jahre war der Bildhauer der Quadriga Präsident der Berliner Akademie (AdK). Keiner besetzte diesen Chefsessel so lange wie er. Fast 50 Jahre war er insgesamt mit der AdK verbändelt: zuerst als strenger Lehrer der Bildhauerklasse, dann als Vizechef und 1815 bis zu seinem Tod 1850 als Direktor.
Die Probleme damals wie heute scheinen die gleichen: Nur schwer konnte Schadow verkraften, daß die Akademie immer profilloser wurde, in der Hauptstadt zusehends ihren Einfluß verlor und die berühmtesten Mitglieder wenig Engagement an den Tag legten. Die letzten Jahre wünschte sich Schadow nichts sehnlicher, als von seinem Posten entbunden zu werden.
Ironie der Geschichte: All dieses erfährt man im Vorwort Adolf Muschgs, - es leitet das gerade erschienene dreibändige Werkverzeichnis der Schadow-Zeichnungen ein. Im Rückblick mutet es an, als ob Muschg in diesem Text schon Monate vorher seinen Rücktritt vorbereitet und sich in der Person Schadow eingeschrieben hat.
Schön zu sehen, daß trotz derlei Führungsturbulenzen in der Berliner Akademie die Forschung mit diesem wunderbaren Werkverzeichnis dann doch nicht zu kurz kommt. Ein beachtliches Konvolut von insgesamt 2300 Zeichnungen haben die Kunsthistorikerinnen Sibylle Badstübner, Claudia Czok und Jutta von Simon in jahrelanger Arbeit für diese erste Dokumentation recherchiert, zusammengestellt und mit präzisen Texten in den Kontext gestellt. Mehrer Skizzenbücher sind in Folge des Zweiten Weltkrieges verloren gegangen, dennoch konnte das zeichnerische Werk in erstaunlicher Dichte rekonstruiert werden. Dieses Verzeichnis, das nur einen einzigen Fehler hat, da es 248 Euro kostet, erschließt Johann Gottfried Schadows Zeichenkosmos in ganz neuen Dimensionen.
Schadow selbst hat seine Blätter stets ordentlich aufbewahrt; er notierte sie in seinen seit 1803 geführten Schreibkalendern. 1200 Zeichnungen gehören heute zum Bestand der Akademie, deren zentraler Sammlungsschwerpunkt die Dokumentation der 300jährigen Geschichte der Akademie ist. Nicht zuletzt skizzieren Schadows Zeichnungen eine kleine Wegstrecke dieser Geschichte und der damaligen Gesellschaft.
Schadow war ein gewissenhafter wie gewitzter Zeichner, genialisch und obsessiv kommentierte er die Ereignisse seiner Zeit mit Stift und Feder oder Rötel. Unprätentiös, leichthändig, aber mit klarem Strich - vor allem aber satirisch. Mit einem Faible fürs Detail - selbst wenn es sich um den Schweif eines Pferdes handelte. Die Blätter changieren zwischen Idealismus, Realismus, Naturalismus, dazwischen immer wieder die ironische Brechung. Das mag nicht allen gefallen haben. Etwa Johann Gottlieb Fichte, der bei Schadow etwas dickbeinig daherkommt.
Es scheint, als hätte Schadow überall und zu jeder Zeit den Stift in der Hosentasche gehabt. Natürlich diente ihm die Zeichnung vorrangig als Studie für seine Bildhauerei in Marmor oder Bronze.
Doch war für Schadow die Zeichnung stets mehr als nur ein Hilfsmedium für die Skulptur, mit ihr dokumentierte er, was ihn beschäftigte oder vor die Nase kam. Es gibt nichts, was er nicht auf dem Papier festhielt: die Familie, den Bruder Rudolf, die Mutter Anna, die Schwester Charlotte, den Salon von Henriette Herz, den eingestürzten Turm der Deutschen Kirche am Gendarmenmarkt 1791, den schrulligen Schlegel, Stiere, Kühe, Löwen, schwebende antike Musen wie Klio, Thalia und Erato.
Besonders interessieren ihn Akt- und Bewegungsstudien, in denen er sich mit der genauen Physiognomie des Menschen auseinandersetzt. Ab 1792 skizzierte er eifrig nach wissenschaftlich vermessenen Schädelstudien. Sein Drang zur Präzision ging so weit, daß er bei Goethe in Weimar vorstellig wurde, um an dessen Kopf Maß anzulegen. Für eine Büste. Der Vater der Berliner Bildhauerschule erhielt vom Dichterfürsten eine rüde Abfuhr. Seine Mappenwerke "Polyclet" und "Nationalphysionomieen" von 1834 und 1835 erschienen trotzdem. Goethes Marmorbüste ist heute in der Nationalgalerie zu sehen.
Goethe erscheint nicht als Dichtergott, sondern als Weimarer Hofbeamter, streng und steif. Wer nicht will, der hat schon - mag Schadow gedacht haben.
Johann Gottfried Schadow: Die Zeichnungen. Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, 3 Bde., 248 Euro
Aus der Berliner Morgenpost vom 21. Februar 2006
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Internationales Forum für Kunst, Bildung und Wissenschaft gegr. 1985
Informationsblatt der Schadow-Gesellschaft Nr. 4/ 3. Jahrgang – Dezember 2004
Die Kultur hängt von der Kochkunst ab (Oscar Wilde)
Dieter Gefeke Küchenmeister, dipl. Gastronomiemanager
Auf jeden Fall gehört die Kochkunst mit zu den schönsten und beliebtesten Künsten seit den Anfängen der Menschheit. Sie ist sehr vergänglich, aber immer wieder neu und faszinierend. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich ihr entziehen kann und der sich nicht hin und wieder nach einem solch besonderen Kunstwerk sehnt. Nur, wenn die Esssitten verwildern, weil nur noch wenige sich die Zeit nehmen, um mit aller Hingabe und Liebe ein Kunstwerk zu kochen, dann kann man meinen, die Kultur geht Wege, die eigentlich keiner will.
Jedes Jahr feiern fast alle Menschen das Weihnachtsfest. Die meisten überlegen wenigstens dann wieder einmal, was sie doch Schönes und Besonderes kochen können für Menschen, die sie lieben, die ihnen sehr nahe stehen. Einige haben es ja nicht ganz verlernt und bringen dann ein kleines Kunstwerk auf den Tisch. Wenn nun auch noch die Tafel liebevoll eingedeckt ist, kann es ein Kunstgenuss werden. Vielleicht passt dazu auch eine gute Musik.
Dass am Weihnachtsfest der Meister geboren wurde, dem unzählige Künstler ihre Werke gewidmet haben, ist dann ein passendes Thema beim Essen. Vielleicht spricht man auch über die Engel und das himmlische Heer, das bei diesem Anlass allen Menschen Freude und auf der Erde Friede verkündete. Oder man liest bei diesem Fest zusammen mit der Familie oder guten Freunden die Weihnachtsgeschichte in Lukas 2:1-20. Dann können wir wirklich etwas Besonderes verspüren. Wir wissen wieder, dass auch die Kunst etwas Göttliches ist, etwas, womit wir alle Tage anderen Menschen Freude bereiten und Frieden stiften können.
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Schadow, Sokrates und das Judentum
Kabinettausstellung in der Alten Nationalgalerie
Staatliche Museen zu Berlin
Sokrates und seine Zuschauer
Die Alte Nationalgalerie zeigt, wie Johann Gottfried Schadow für die jüdische Emanzipation eintratVon Christiane Meixner
Der Maler und Bildhauer Johann Gottfried Schadow fertigte 1800 die Zeichnung „Sokrates im Kerker“. Ins Publikum malte er den Philosophen Moses Mendelssohn, ein Zeitgenosse Schadows. Das Blatt ist ein Beitrag zur Assimilation der Juden.
Das Blatt erhebt Ansprüche, nicht nur der Größe wegen. Einen halben Meter hoch und 70 Zentimeter breit ist kein anderes Aquarell aus Schadows Atelier.
Ein zweiter Blick auf die feinen Federstriche, mit denen der Bildhauer die Gewänder der Figuren nachträglich bearbeitet und sie so plastisch wie seine berühmten Skulpturen gestaltet hat, offenbart auch die Ambitionen von Johann Gottfried Schadow: Die Zeichnung „Sokrates im Kerker“, die er 1800 datierte und im selben Jahr in der Berliner Akademie-Ausstellung zeigte, wollte trotz ihres minderen Genres mit den versammelten Gemälden konkurrieren.
Mit Recht hängt es nun im Zentrum einer neuen Kabinett-Schau der Alten Nationalgalerie, die sich das Thema „Schadow, Sokrates und das Judentum“ vorgenommen hat. Um das Blatt gruppieren sich vorbereitende Studien, alte Münzen, Bücher, Porträtbüsten und andere historische Zeugnisse; sie sollen ein Panorama des aufstrebenden Bürgertums in der Residenzstadt Berlin entfalten.
Dass die Zeichnung selbst ein wichtiger Mosaikstein in diesem Gesamtbild ist, gilt als jüngste gesicherte Erkenntnis. Bislang nämlich galt das Bild als ein Blatt ohne Auftraggeber. Schadow, so die Annahme, hat es aus eigenem Antrieb gemalt. Als allgemeines Bekenntnis zu den Maximen der Aufklärung. Mit der Ermittlung des Auftraggebers jener Kerkerszene, die den antiken Denker Sokrates ein letztes Mal im Freundeskreis zeigt, wechselt nun allerdings der Rahmen der Geschichte. Wichtigstes Indiz: Schadow hat eine Figur aus der Gefolgschaft des Philosophen ausgetauscht. Links steht mit dem jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn ein Zeitgenosse des Bildhauers im Kerker und schaut den Betrachter geradewegs an.
Das Blatt in Auftrag gab David Friedlaender. Der spätere jüdische Stadtrat von Berlin hatte sich 1799 anonym in einem Manifest für die Assimilation seiner Glaubensgenossen eingesetzt. Die Taufe und damit ein Übertritt zum Christentum schienen ihm das probateste Mittel dafür. Vom damaligen Probst Wilhelm Teller wurde der Verfasser jedoch scharf gerügt und eben auf Moses Mendelssohn verwiesen, der laut Teller humanistisch geprägt gewesen sei und dennoch am jüdischen Glauben als seinen Wurzeln festgehalten habe.
Friedlaenders Denkschrift wurde auch von anderen Autoren heftig angegriffen, die nun plötzlich Mendelssohns Verdienste als „Stifter der jüdischen Religion“ in Frage stellten. Mit seinem Auftrag an den Bildhauer und guten Freund Schadow bezog Friedlaender daraufhin Position. Indem er Mendelssohn in die kleine Gruppe um Sokrates stellen ließ, verortete Friedlaender nicht nur ihn im philosophischen Olymp, sondern bekannte sich auch selbst zu dessen Idealen. Und dass der streitbare Autor sich nicht mit einer weiteren Schrift verteidigte, sondern den etablierten Bildhauer „sprechen“ ließ, dokumentiert, wie gleichberechtigt einst die malerische Disziplin neben der literarischen stand.
Damals erfüllte „Sokrates im Kerker“ die für Schadow wichtige Eigenschaft eines Kunstwerkes, sich einem geschulten Publikum selbst zu erklären. Heute müssen das die Kunsthistoriker tun.
Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1 – 3, Mitte. Tel.: 20 90 58 01. Bis 17. August 2003, Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 -22 Uhr. Begleitheft von Claudia Czok: 10 Euro
Berliner Morgenpost vom 21.05.2003
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Internationales Forum für Kunst, Bildung und Wissenschaft gegr. 1985
Informationsblatt der Schadow-Gesellschaft Nr. 3/ 3. Jahrgang – September 2004
Ein Gang durch 100 Jahre moderne Kunst
Ulrike Gefeke M. A.
Am 25. August 2004 haben wir die einmalige Gelegenheit wahrgenommen, das Museum of Modern Art aus New York in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu besuchen. Vieles ist an dieser Darbietung der Kunst des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts bemerkenswert. Als Betrachterin habe ich besonders die Dichte der Kunst gefühlt, der ich auf meinem Rundgang begegnet bin. Es machte Freude, weltbekannt Gemälde wie die „Sternennacht“ von Vincent van Gogh oder Dalis „Beständigkeit der Erinnerung“ auf sich wirken zu lassen. Die Auswahl an Bildern aus dem MoMA führte zu einem höchst abwechslungsreichen und vielfältigen Kunsterlebnis, das man trotz der vielen Besucher nicht schnell vergisst.
Moderne Kunst ist oft nicht leicht verständlich. Auch nicht alles, was ich gesehen habe, hat mich beeindruckt. Vielleicht stehen ja auch Künstler unter dem latenten Druck, Dinge zu schaffen, die noch nie jemand geschaffen hat. Ich habe mich besonders auf Künstler konzentriert, zu deren Bildern ich eine Beziehung habe und die ich immer wieder gerne anschaue wie z. B. Delaunay oder Kandinsky. Robert Delaunay ist Vertreter des sog. Farb-Kubismus. Die Wirkung seiner Farbkompositionen ist verblüffend. Als Betrachter möchte man das Geheimnis enthüllen. Die gegenseitige Beeinflussung der nebeneinander gesetzten Farben ist großartig. Von Wassily Kandinsky sind in der Ausstellung drei stark bewegte Farbphantasien nebeneinander zu sehen. Interessant für mich war, Delaunay und Kandinsky zu vergleichen und immer wieder die Kraft der Farben zu spüren.
Kasimir Malewitschs „Suprematistische Komposition: Weiß in Weiß“, ein weißes Quadrat auf weißem Feld, von 1915 ist eine Begegnung für sich. Im Original hatte ich es zuvor noch nie gesehen. Nach Auffassung des Künstlers soll in der bildenden Kunst die Empfindung die Oberherrschaft (Suprematie) haben. Und beim Betrachten dieses Bildes entstehen tatsächlich vielmehr Gefühle als Gedanken. Form, Farbe, Bewegung sind so stark reduziert, dass man gezwungen ist, sich durch die Einfachheit des Dargestellten einerseits und durch die unerwartete Komposition von Weiß mit Weiß mehr auf seine Empfindungen einzulassen, als intellektuelle Anstrengungen zu unternehmen.
Es gab herrliche Gemälde zum Ausruhen und Träumen. Eines davon ist bestimmt „Kino in New York“ von Edward Hopper (1939). Hopper, ein Vertreter des amerikanischen Realismus, zieht den Betrachter geradezu an mit Motiven aus den 30er- und 40er-Jahren der USA. Das gelingt ihm auch mit dem Gemälde „Benzin“(1940). Auf beiden Bildern kann man sich vom Licht bezaubern und in eine andere Zeit entführen lassen.
Auch für Freunde der Pop Art war viel Sehenswertes dabei. Die Gegensätze in der modernen Kunst sorgen für ein Spannungsverhältnis, in dem man als Betrachter hin- und hergezogen wird, und so tut es gut, sich auch Werke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Jasper Johns anzusehen und sich der eigenen Zeit immer weiter anzunähern.
Am Ende dieses Rundgangs wartete ein deutscher Bilderzyklus: Gerhard Richters „18. Oktober 1977“. Dieser Zyklus entstand 1988 und stellt einige Ereignisse aus der Geschichte der Rote-Armee-Fraktion dar. Mit der Methode der Fotomalerei erzeugt Richter beim Betrachter ein starkes Gefühl der Tragik in diesen Motiven
Wieder einmal habe ich gemerkt, wie wichtig die Begegnung mit dem Original ist. Es gibt dafür keinen Ersatz.
Ich bin dankbar, dass ich mit Vereinsmitgliedern das Museum of Modern Art besuchen konnte und mir eine lebenslange Erinnerung geschaffen habe.
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Dreiteiliges Altargemälde von 1825 ist wieder zu besichtigen

Dieter Gefeke – Präsident der Schadow-Gesellschaft
Informationsblatt der Schadow-Gesellschaft Nr. 1/ 2. Jahrgang – Mai 2004
Mit Mitteln der Unterstiftung „Schulpforta" der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konnte im Jahr 2003 das große dreiteilige Altarbild des Berliner Malers Wilhelm Schadow restauriert werden.
Das Werk entstand 1825 im Auftrag des preußischen Kultusministers von Altenstein. Er meinte, die Knaben würden die langweiligen Predigten des dortigen Pastors besser ertragen, wenn sie in der Zeit etwas zu sehen hätten", erinnerte sich der Maler später.
In der Mitte der auferstandene Christus zwischen den Evangelisten Johannes und Matthäus, alle etwas überlebensgroß dargestellt. Schadow malte die drei majestätischen Gestalten vor einem durchgehenden Landschaftspanorama, in dem man die Schönheit der heimischen Natur nachempfinden sollte. Die Schule erwarb das Bild im Jahre 1825 für 1100 Taler. Es fand über dem Altar in der Klosterkirche Platz. Später wurde der Dreiteiler an die Südwand des südlichen Kreuzarmes über der Tür zur Evangelistenkapelle verbracht.
Am 15 Mai 2004 war es soweit, im Rahmen eines gelungenen Schulfestes wurden die mit Mitteln des Pförtner-Bundes e.V. restaurierten Altarbilder im sanierten Neugotischem Haus auf dem Stiftungsgelände vom Prokurator Johann Konrad Keller (Minister a.D.) und der Danksagung des Präsidenten der Schadow-Gesellschaft Dieter Gefeke im Beisein des Direktors der Landesschule Pforta Herrn Karl Büchsenschütz der begeisterten Öffentlichkeit übergeben.
Dieter Gefeke erzählte in seiner Rede Einzelheiten aus dem Leben des großen Meisters Wilhelm von Schadow; insbesondere über seine Begabung als Maler und Pädagoge, aber auch seine Liebe zu seiner Familie und den jungen Leuten um ihn herum. Herr Gefeke war begeistert von der gelungenen Restaurierung, der leuchtenden Farben und der sehr schönen Rahmung der Bilder. Er machte aufmerksam auf die Feinheiten und das besondere künstlerische Talent und Geschick des Künstlers.
Er sprach die Hoffnung aus, dass viele Menschen sich auf den Weg machen, um dieses besondere Werk eines Malers der Nazarener zu besuchen. Gleichzeitig stellt das Altarbild eines so bedeutenden Künstlers eine Aufwertung der Landesschule Pforta dar.
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Freizeitbeschäftigung mit politischer Brisanz:
Warum Schach die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft vertritt
Von Alexander Remler 2003 in der Berliner Morgenpost
Johann Gottfried Schadows Schachclub, vor 200 Jahren in Berlin gegründet, war nicht nur der erste seiner Art in Deutschland – hier trafen sich die Aufklärer, um zu spielen und zu diskutieren. Mit Auswirkungen auf die Sitten und die politische Kultur.
Berlin, vor 200 Jahren. Es ist Sommer – und was für einer. Ein Jahrhundertsommer, würde man heute sagen. Damals aber hat man allgemein nicht so viel über das Wetter lamentiert, sondern die milden Abende für einen Spaziergang im Tiergarten, draußen vor den Toren der Stadt, genutzt. Manche Herren haben sich dort im Freien zu einer Partie Schach getroffen. Einem Spiel, das sich schon seit Jahren besonderer Beliebtheit erfreute. Und so waren die Schachspieler so sehr bei der Sache, dass es ihnen, wie die Neue Berlinische Monatsschrift vermerkt, „beim herannahenden Winter Leid tat, dass sie sich trennen sollten: Und so entstand der Gedanke, einen etwas erweiterten Schachclub zu errichten.“
Wie schön. Dann wurde eben im Jahr 1803 der erste Schachklub in Deutschland gegründet. Aber interessiert uns das wirklich bis heute? Schon, jedenfalls wenn man weiß, dass die Gründung eines Klubs an sich schon ein Politikum war. Keineswegs ein „unbedeutendes Kränzchen“, schreibt Friedrich Gedicke, sondern ein Treffen mit „großem Einfluss auf die Bildung der Sitten und selbst auf die politische Verfassung“. Ein Schachklub galt als besonders verdächtig, schließlich wurde hier das bevorzugte Spiel der Aufklärung gespielt. Und so findet sich auf der Mitgliederliste kein einziger Militär. Dafür neben dem Bildhauer Gottfried Schadow weitere 138 Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben der Stadt: Juristen, Wissenschaftler und Pädagogen, wie eine Ausstellung in der Kunstbibliothek zeigt, die noch bis zum 16. November zu sehen ist.
Aber was hatten denn Aufklärung und Schachspiel eigentlich gemeinsam? Das erklärt uns Benjamin Franklin, der amerikanische Präsident, der auf die Voraussicht hinweist, die immer am schwierigsten sei, weil sie bedeute, dass man die Folge von Entscheidungen abschätzen kann. Die zweite Eigenschaft, so meint der Berliner Kunsthistoriker Hans Holländer, sei die Umsicht, denn der Spieler müsse stets das gesamte Brett im Auge behalten. „Dazu muss er Vorsicht walten lassen.“ Kurz: Wer Schach spielt, gibt zu erkennen, dass er den Wert dieser Eigenschaften anerkennt und sich bemühen will, sie zu erwerben.
Oder um es mit den Worten Johann Jakob Wilhelm Heinses zu sagen, der mit „Ardinghello und die glücklichen Inseln“(1787) einen wichtigen utopischen Staatsroman schrieb: „Mich dünkt, das Schachspiel ist ein reizendes Bild des ganzen menschlichen Lebens. Man kann sich dabei alles vorstellen, wo Kampf und Überwindung sein muss. Am Anfange hat man freilich mit dem Spiel selbst zu viel zu schaffen, als dass man frei mit der Phantasie ausschweifen könnte; aber die Flügel regen sich bald bei himmlischen Geistern, und dann hemmt nichts mehr ihren leichten Flug.“
Beim Schachspiel gebe es keine Geheimnisse, meint Hans Holländer. „Das Spiel steht auf der Seite der Vernunft, des Verstandes, des Kalküls.“ Uns so war es auch kein Zufall, dass Paragraph 15 der Satzung des damals wichtigsten Berliner Klubs, des Montagsklubs, besagte: „Außer dem Schachspiel wird kein Spiel in dem Klub geduldet.“ Mitglieder waren hier neben einem der wichtigsten deutschen Aufklärer, Gotthold Ephraim Lessing, weitere Prominente wie Johann Joachim Quantz und Christoph Friedrich Nicolai.
Bis vor kurzem waren von dem ältesten deutschen Schachklub nur das Stiftungsdatum und einige spätere Korrespondenz-Partien, zum Beispiel mit Breslau, bekannt. Außerdem eine Abschrift der Satzung. Aber nichts über die Akteure, die Mitglieder. Und nichts über das Leben und die Geschichte des Clubs. Das liegt vor allem daran, dass im Jahr 1827 ein zweiter Schachklub in Berlin gegründet wurde, der bald viel populärer und in sportlicher Hinsicht erfolgreicher wurde. Dieser Klub hat im Gedächtnis der Nachwelt eine breite, mit Daten, Fakten, Personen und Werken gepflasterte Spur hinterlassen. Von der Gründung des 24 Jahre älteren Klubs notiert Schadow, der die Quadriga auf dem Brandenburger Tor schuf, welche Aufgaben er als einer seiner Direktoren hatte, mit wem er dort zusammenkam, wie viele Partien er spielte. „Natürlich war Schadow nicht der Alleinherrscher, aber doch ein für den Geist und das intellektuelle Klima sehr bestimmendes Mitglied“, sagt Hans Holländer, der auch darauf hinweist, dass es in dem Klub keinerlei antisemitische Tendenzen gegeben habe, - was „keine Selbstverständlichkeit“ gewesen sei.
Oft ging Schadow aber auch in seinen Klub, um dort die neuen Journale zu studieren. War der Schachklub schon wegen des Lesezimmers doch auch eine Lesegesellschaft. Besonders charakteristisch war das in den Jahren um 1806, als Napoleon das Tagesthema Nummer eins war. „ Da ist er täglich in den Schachklub gegangen, um von seinen Freunden zu erfahren, wie es steht“, so Hans Holländer. Da war der Klub vor allem eine Nachrichtenzentrale, wo sich Gleichgesinnte trafen, um Informationen auszutauschen. „Die gesellschaftliche Funktion des Klubs lief nicht nur nebenher, das konnte zeitweilig sogar die Hauptsache sein.“ Besonders in den chaotischen Zeiten war es wohl besser, wenn man wusste, man ist unter sich.
Johann Gottfried Schadow Selbstbildnis
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Im Mai 2000 erschien in der “Humanität” ein Essay über die Quadriga auf dem Brandenburger Tor von Dr. Georg Franzen unter der Überschrift:
( Georg Franzen, Humanität, Mai/Juni 2000, 3. Ausg. 26 Jhg. )
Johann Gottfried Schadows Quadriga -
Zum 150. Todestag des bedeutenden Bildhauers
Vor 15 Jahren wurde die Schadow-Gesellschaft e.V. gegründet. Sie fühlt sich besonders dem gesellschaftlich-kulturellen Wirken der Künstlerfamilie Schadow verbunden, die zu den allerersten Initiatoren von Kunst- und Künstlervereinen gehörte und somit zu einem neuen bürgerlichen Kunstverständnis beitrug.
Die Schadow-Gesellschaft erinnert im 15. Jahr ihres Bestehens an den vor 150 Jahren verstorbenen Berliner Bildhauer und Akademiedirektor Johann Gottfried Schadow.
Wie kaum ein anderer hat der Bildhauer Johann Gottfried Schadow (1764-1850) mit seinen Bildwerken den Frühklassizismus geprägt. Mit dem Rückgriff auf vergangene Stile begann seit 1780 der Kreislauf der Rezeption der verflossenen historisch gewordenen Kunst. Ausgangspunkt war die voralexandrische Antike, die seit Johann Joachim Winkelmanns „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerei“ (1754) eine neue Renaissance erlebte, und zu einer Kunst der „edlen Einfalt und stillen Größe" führte. In diesem Zusammenhang wird das Kunstwollen eines jungen Künstlers, wie Johann Gottfried Schadow (1764-1850) zur Zeit der Aufklärung, der neuen Wissenschaftlichkeit und eines neuen Auflebens humanistischer Ideale verständlich.
Johann Gottfried Schadow wird am 20. Mai 1764 als Sohn des Schneidermeisters Gottfried Schadow im Dorf Saalow in der Mark Brandenburg geboren. Schadow erlernt das Zeichnen bei Selvino, einem Bildhauer aus dem königlichen Bildhaueratelier. Im Jahre 1886 gewinnt Schadow in Rom mit seiner Gruppe ‘Perseus befreit Andromeda’ seinen ersten bedeutenden Kunstpreis. Anfang 1787 kehrt Schadow nach Berlin zurück, wo er unerwartet nach dem Tod seines ehemaligen Lehrers Tassaerts bereits mit 24 Jahren Direktor der königlichen Hofbildhauerstatt wird. Mit 30 Jahren zählt Schadow bereits zu den bedeutendsten europäischen Bildhauern seiner Zeit. Zu seinen bekanntesten Werken zählt die Quadriga auf dem Brandenburger Tor.
1788-1791 erbaute der Baumeister Carl Gotthard Langhans im Auftrag Friedrich II. das zwanzig Meter hohe Brandenburger Tor. Es sollte ein altes Stadttor an der Verbindungsstraße zwischen den Schlössern Berlin und Charlottenburg ersetzen. Für den Bau nahm Langhans das Stadttor von Athen zum Vorbild. Die erste nachweisliche Besprechung zwischen dem Baumeister Langhans und dem Hofbildhauer Schadow fand am 13. März 1789 statt. Laut Sitzungsprotokoll sollte Schadow zunächst ein kleines Modell anfertigen, „welche die Maße einer Gruppe von vier Pferde und einem Wagen neben der Victoria deutlich ausdrückte“.
Nachdem der erste Entwurf zur Quadriga genehmigt war, fertigte Schadow die Modelle zu den Pferden. Außer dem kleinformatigen Modell für die gesamte Quadrigagruppe lieferte Schadow, wie zu den Pferden, auch für die Göttin auf dem Triumphwagen noch einen gesonderten Entwurf. Von der Viktoria auf dem Triumphwagen fertigten die Gebrüder Wohler Holzmodelle in Orginalgröße, nach denen E. Jury die Ausführungen in getriebenes Kupfer zu besorgen hatte. Im Sommer 1793 wurde die gesamte Gruppe nach Berlin transportiert und auf das Tor gesetzt.
Mit Ausnahme des Pferdekopfes wurde die Quadriga im zweiten Weltkrieg zerstört. Nach den Formen von 1943 fertigte die Gießerei Noak 1957/ 58 die heutige Quadriga. Die Viktoria sollte den Sieg des Friedens über den Krieg symbolisieren. Für den Sockel des Viergespanns in der Mitte der Attila hatte B. Rode ein großes Fries, den „Zug des Friedens“ entworfen. Die Gesellen des Hofbildhauers Schadow führten das Relief in Sandstein aus.
Während die Pferde kraftvoll den Wagen ziehen, scheint die Siegesgöttin starr und unbeweglich. Die Dynamik geht von den Pferden aus. Widersprüche werden deutlich, das Werk wirkt nicht in sich geschlossen, als gäbe es hier zwei Tendenzen, einen Konflikt in der Bearbeitung des Themas. Hintergrund sind widersprüchliche Auffassungen über die Bearbeitung des Themas. Schadow schwebte mehr die griechische Eirene als Friedensgöttin vor, als die römische Siegesgöttin Viktoria.
Schadows Quadriga beschreibt in der Tiefendimension seines künstlerischen Schaffens einen Spannungszustand einer sich wandelnden Gesellschaft. Tatsächlich zeigte sich, dass der Frieden, oder besser gesagt die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse damals nur in einem Konfliktfeld zu lösen sind. Der preußische Staat steht ebenfalls in einem Zwischenzustand zwischen Liberalisierung und Aristokratie.
Die Quadriga erfuhr jedoch im Laufe der Geschichte als Symbol einen weiteren Bedeutungswandel, indem schon 1814 durch Schinkel der Sinngehalt des Stabes verändert wurde. Eine zunehmende politische Bedeutung sollte nun ausgedrückt werden. Adler, Kranz und darin das Eiserne Kreuz, das Panier Preußens als Krönung des Stabes der Göttin, wandelten den Symbolgehalt der Göttin.
Während der napoleonischen Fremdherrschaft in Deutschland wurde Schadows Quadriga von dem Brandenburger Tor genommen und nach Paris gebracht. Sie gelangte später wieder zurück nach Berlin, was ihren Symbolgehalt verstärkte. Vor der Wiederaufstellung nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ließen die Ostberliner Behörden jedoch den Adler und das Eiserne Kreuz als Symbol preußisch-deutschen Militarismus entfernen. Das Brandenburger Tor mit der Quadriga erhielt dann ein neues Symbolgehalt-Symbol der Teilung Deutschlands. Die überraschenden politischen Ereignisse im Jahre 1989 ließen eine Hoffnung auf die deutsche Einigung wieder möglich werden. Das Brandenburger Tor symbolisierte nun die Einigung Deutschlands.
Die Quadriga ist bereits um 1789 Symbol für die gesellschaftlichen Umbrüche. Die spätere Benutzung dieses Symbols durch unterschiedliche Machthaber zeigt, dass der Begriff des Friedens unterschiedlich interpretiert werden kann, als könne die Quadriga stets für alle Konfliktfelder stehen: gesellschaftliche, wirtschaftliche Aspekte, Grenzen und Konflikte im Umgang mit Macht und den gesellschaftlichen Verhältnissen. Und dennoch, die Absicht Schadows war es, eine Friedensgöttin zu schaffen. Sie ist und bleibt ein Zeugnis eines großen Künstlers und Humanisten. Johann Gottfried Schadow starb am 27.01.1850.
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